Alles hat seine Zeit

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So viele Teile hatte das Puzzle mit dem meine ganze Familie sich einen ganzen Tag lang beschäftigt hat. Zugegeben, den Kindern wurde schnell langweilig und auch ich war zwischenzeitlich eher genervt als entspannt. Aber wir konnten auch nicht aufhören- aufgeben kam nicht infrage. Und so saßen wir, also mein Mann und ich bis nachts um halb
zwei am Esstisch bis nur noch drei Puzzleteile übrig waren. Vollenden durften es die Kinder am nächsten Morgen. Das fertige Motiv erinnerte uns tatsächlich ein wenig an unseren letzten Urlaub in Österreich. Es waren gute Erinnerungen. Zwischendurch habe ich mir immer wieder die Frage gestellt: Was mache ich hier eigentlich? Das ist doch die reinste Zeitverschwendung. Was hat das für einen Sinn, hier zu sitzen und mich darüber zu ärgern, dass die Teile so schwer auseinanderzuhalten sind? Könnte ich diese Zeit nicht viel besser nutzen? Zeit bekommt für mich im Moment eine ganz andere und vielleicht auch neue Bedeutung. Normalerweise ist mein Alltag gut durchgeplant und getaktet. Jetzt im Moment ist alles anders. Es gibt keinen gewohnten Takt mehr und nur langsam ergibt sich wieder ein Rhythmus, der sich aber völlig neu und anders anfühlt. Und dabei habe ich gar nicht mehr Zeit als sonst, ich teile sie nur anders ein, muss andere Strukturen finden.

Alles hat seine Zeit

„Ein jegliches hat seine Zeit und jedes Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde“, so steht es im Buch Kohelet. Hier werden viele Dinge nacheinander aufgezählt für die es eine Zeit gibt, meist sind es Gegensätze. Leben und Sterben hat eine Zeit, Weinen und Lachen,
etwas behalten und wegwerfen hat seine Zeit und Schweigen und Reden hat seine Zeit. Lieben und hassen, Streit und Friede hat eine Zeit. Gott hat alles schön gemacht und uns Menschen auch die Ewigkeit ins Herz gelegt. „Es gibt nichts besseres“, so schließt der Prediger im 3. Kapitel, „als fröhlich sein und sich gütlich tun in seinem Leben.
Denn ein Mensch, der da isst und trinkt und hat guten Mut bei all seinem Mühen, das ist eine Gabe Gottes“. Was ist das gerade für eine Zeit in der ich lebe? Was ist das für eine Zeit für mich, in der ich oft auch so voller Sorge bin? Das frage ich mich momentan. Sommer, Sonne, Eisessen, Baden im See. Für viele Menschen ist der Sommer die Zeit im Jahr, in der
Urlaub gemacht wird. In der das Tempo aus dem Alltag vielleicht etwas herausgenommen wird. Der Urlaub wird in diesem Jahr wahrscheinlich ganz anders aussehen als gewünscht oder gar geplant. Ein anderes Tempo des Alltags gibt es vielleicht schon länger. „Guten Mut bei all seinem Mühen“. Dieser Vers klingt für mich nach einer echten Herausforderung, vor allem in dieser Zeit. Und dennoch, es grünt und blüht, wird wärmer, das Leben bekommt einen Takt, vielleicht einen neuen Rhythmus und das muss gar nicht immer unbedingt etwas Schlechtes sein. Das sag ich mir und versuche es mal mit diesem „guten Mut bei all
dem Mühen“. Ich weiß nicht, ob es in allen sorgenvollen und vielleicht ängstlichen Situationen wirklich hilft, aber ich möchte so gern daran festhalten, an diesem guten Mut.
Alles hat seine Zeit bedeutet eben auch, dass nichts fĂĽr immer bleibt wie es ist, sondern Veränderung. Wann und wie, ist dabei ungewiss und ungewiss ist fĂĽr mich manchmal ganz schwer auszuhalten. Da fällt mir das Puzzle wieder ein. Am Anfang weiĂź ich nicht wie die Teile zueinander passen und auch nicht genau, welches Bild sich zeigen wird. Ich bin unruhig zwischendurch, ärgerlich und suche Teile. Zeitverschwendung denke ich dann und muss doch weitermachen und kann gar nicht aufhören. Ich finde neue Teile und am Ende  ergibt sich ein Motiv.
Und vielleicht ruft dieses Bild dann Erinnerungen in mir wach, gute Erinnerungen.

Alles hat seine Zeit.
Ihre Pfarrerin Thea VoĂź

(Gemeindebrief Juni-August 2020)