„Besser eine Hand voll mit Ruhe als beide Fäuste voll mit Mühe und Haschen nach Wind.“ (Pred 4,6)
Einen ruhigen Herbst, das wünsche ich mir in unserer so hektischen Welt, wo man nur von einem Termin zum nächsten saust. Wo kaum noch Zeit bleibt für echte Begegnung. Wo nicht mehr der Mensch im Mittelpunkt steht, sondern nur noch die Produktivität. Wo bleibt da noch Raum für Muße, Kunst und Kultur, für Gottsuche (Religion) und Mitmenschlichkeit?
Und selbst vor der Kirche macht diese Entwicklung nicht halt. Immer weniger Pfarrer/innen sollen immer größere Seelsorgebezirke verwalten, gleichzeitig Wirtschaft, Instandhaltung der Gemeinden, Seelsorge und Verkündigung möglichst in allen Altersgruppen betreiben. Womöglich wohnt der Pfarrer auch gar nicht mehr vor Ort, sondern muss weit fahren. Wo bleibt da die Zeit füreinander? Manchmal komme mir selbst wie ein Getriebener vor.
Spätestens an diesem Punkt gilt es innezuhalten. Von was werde ich getrieben? Was macht mich zum Getriebenen? Was treibt mich an? Lasse ich mich womöglich von Anderen treiben, letztendlich aber nicht mehr von Gott?
Ich bin überzeugt, dass wir erst, wenn wir uns bewusst regelmäßig Zeiten der Stille und Ruhe gönnen, wieder wirklich zu uns selbst, zu unserem Nächsten und zu Gott finden. Nicht umsonst boomen Yogaseminare, buddhistische Meditationskurse und Urlaube in christlichen Klöstern. Sie sind ein Zeichen dafür, dass eine gehetzte Gesellschaft zur Ruhe kommen will.
In der Ruhe begegne ich mir selbst, meinem wahren Wesen und dem was Gott mir sagen will. Sie wird nicht übertönt durch die schrillen Töne des Alltags. Sie hilft mir, auszusteigen aus dem Hamsterrad und nicht zum Getriebenen zu werden. Mein Leben neu auszurichten auf das, was wesentlich ist. Auf Gottes Ruf, auf mich selbst, auf den Nächsten, der gerade vor mir ist. Die Ruhe hilft mir, mich nicht treiben zu lassen von Parolen, die Menschen lautstark vereinnahmen wollen. Sie hilft mir aber auch Atem zu holen in einer immer schneller werdenden Welt.
Andererseits besteht, wenn ich mich nur noch in Stille hinein versenke, die Gefahr, dass ich die Probleme der Welt gar nicht mehr wahrnehme. Bemerkenswerterweise empfiehlt Kohelet, der Prediger Salomo, nicht beide Hände voller Ruhe zu haben, sondern nur eine. Dann kann ich mit der anderen Hand noch etwas tun. Das erinnert mich daran, dass unser Leben immer in der Spannung zwischen Tun und Nichtstun, arbeiten und (aus-)ruhen besteht. Nur wenn wir beide Pole unseres Lebens in ein gutes Verhältnis zueinander bringen, können unser Körper und unsere Seele gesund bleiben.
Vielleicht konnten Sie die Sommermonate mit den Ferien nutzen, um sich die notwendige Ruhe zu nehmen. Doch die Gefahr besteht, schnell wieder in den Alltagstrott zu gelangen. Vielleicht braucht es auch in unseren Gemeinden wieder mehr Zeiten und Orte der Ruhe. Schließlich ist der Sabbat, der Ruhetag, die Vollendung von Gottes Schöpfung (1. Mose 2,1-3). Vielleicht müssen auch Gemeinden wieder lernen, das Wesentliche vom Unwesentlichen zu unterscheiden, um so Zeit zu finden, Gott in der Stille zu begegnen und nicht zu Getriebenen zu werden. Die Mystiker aller Religionen können uns das lehren. Jesus selbst war so ein Mystiker, der sich hin und wieder zurückzog, um auf einem Berg allein zu beten (z. B. Mk 6,46). So wurde er nicht ein von den Meinungen Anderer, vom Zeitgeist oder womöglich noch vom Populismus Getriebener, sondern blieb in der direkten Verbindung zu Gott und den Menschen. In diesem Sinn wünsche ich Ihnen einen Herbst mit genügend Ruhe. Amen.
Ihr Pfarrer Vinzent Dirzus