Worte an die Gemeinde

Lebenslust

Spätsommerstille. Ich stehe unter großen alten Buchen mitten in der Uckermark. Zu meiner Rechten und Linken ein See. Nur ein Eichhörnchen huscht über mir auf einem Ast entlang. Nach einer Weile höre ich den Ruf eines Kuckucks. Die Luft fühlt sich rein und
klar an. Endlich, meine Seele atmet auf! Die Schöpfung ist so großartig, denke ich. Es war Zeit, der Stadt zu entfliehen. Es war Zeit, den Kopf von Corona frei zu kriegen. Es war
Zeit, den ganzen Druck der letzten Monate abzuschütteln, all die Angst zu überwinden und einfach die Seele baumeln zu lassen. Das hatte ich jetzt bitter nötig. Und ich habe ihn genossen, meinen Sommerurlaub. Tägliche Spaziergänge durch Feld, Wald und Wiesen. Baden in badewasserwarmen, klaren Seen. Lange Abende auf der Terrasse meiner Freunde. Essen. Reden, über Gott und die Welt. Einfach nur jeden Tag nehmen, wie er
kommt und das Leben genieĂźen.
Wie gut das tat…
Und jetzt, wo ich zurück bin, habe ich sie wieder, die Lebenslust. Bin irgendwie geerdet. Der Herbst steht vor der Tür. Und ich freue mich schon auf die bunten Farben und auch auf den Novemberregen. Natürlich kann ich den Kopf nicht in den Sand stecken und „heile Welt“ spielen. Ich brauche ja nur in diese Welt hinaus zu blicken und zu sehen: Sie ist nicht heil. Aber ich habe in der Natur der Uckermark in diesem Sommer ein gewisses Gottvertrauen zurückgewonnen, das mir manchmal im Alltag abhanden gekommen ist.
So komisch das klingen mag: Die Spätsommerstille, die Buchen und
Eichen, die Fische und Eichhörnchen haben mich etwas gelehrt:
Was auch immer kommt, Gott wird mit mir sein. Gott wird mit uns sein. Darauf können wir vertrauen. Wir werden sicher noch eine Weile mit Abstand, Masken und Desinfektionsmittel leben müssen. Aber das soll uns nicht davon abhalten, das Leben zu genießen. So mein Gefühl. Viel öfter sollten wir einmal – besonders, wenn wir uns erschöpft und kraftlos fühlen – hinaus ins Freie treten und unser Herz und unsere Sinne für die Natur schärfen. Einfach so, zwischendurch.
Viel öfter sollten wir auch mitten im Alltag ab und zu tief durchatmen und die Natur beobachten. Denn sie liegt vor unserer Haustür, gerade hier in Spandau. Und dann
können wir so wunderbare Dinge sehen wie blühenden Mohn, Bienen im Lavendel, Füchse im Kirchgarten, den Laubteppich und die vielen Kastanien, Schäfchenwolken am Himmel, Fischreiher am Wasser, und vielleicht sogar irgendwann ein schneebedecktes
Feld… Und wenn wir unsere Ohren spitzen, dann können wir so ermunternde Klänge hören wie tschilpende Spatzen, schreiende Käuzchen, quakende Frösche, und auch die Nachtigall. Und wir können fühlen: Alles scheint in der Schöpfung seinen rechten Sinn
und Platz zu haben. Und vielleicht können wir uns dann selbst wieder besser spüren und Gott etwas näher sein.
Und wir können ihm danken, dass er alles so wunderbar gemacht hat, und dass er uns Kraft und Schutz gibt für den heutigen Tag und für die kommende Zeit.

Von allen Seiten umgibst Du mich und hältst Deine Hand über mir. Ich danke Dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin; wunderbar sind Deine Werke; Das erkennt meine Seele.
(Psalm 139, 5. 14)

Einen gesegneten Herbst, und vor allem Gesundheit, wĂĽnscht Ihnen
Ihre Pfarrerin Axinia Schönfeld


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