Worte an die Gemeinde

FrĂĽhjahrsandacht

Liebe Gemeinde,

es ist schon immer wieder ein Wunder, wie aus dem Nichts Leben entsteht. Die Bäume waren eben noch kahl und grau. Die Erde ist krustig hart gefroren. Nun, vielleicht nicht mehr ganz so krustig im Zuge der Erderwärmung. Und dennoch, jedes Jahr scheint es, dass die Erde ihre Energie im Winter auf ein MindestmaĂź reduziert. Es blĂĽht nichts mehr. Viele Tiere halten Winterschlaf. Die Sonne verabschiedet sich weitgehend. Die Tage sind kurz. Und auch wir Menschen haben oft weniger Energie. Wir mĂĽssen uns warm anziehen, damit wir nicht frieren. Wir werden melancholisch, manchmal auch ein wenig depressiv – bis der Kreislauf des Jahres wieder das Unmögliche möglich macht: Sonnenstrahlen brechen sich Bahn. StĂĽck fĂĽr StĂĽck. Die Tage werden länger. Die Knospen an Sträuchern und Bäumen beginnen zu sprieĂźen. Alles grĂĽnt. Und auch wir kommen wieder langsam zu uns, erwachen zu neuem Leben zusammen mit der Natur, an der wir uns erfreuen. In die FrĂĽhlingszeit fällt auch das Hochfest der Christinnen und Christen: Ostern. Und der FrĂĽhling, so scheint es, ist die Jahreszeit, die eben das symbolisiert, wofĂĽr das Osterfest steht: Das Werden neuen Lebens, den Sieg des Lebens ĂĽber den Tod, die Auferstehung! Trauer wird in Hoffnung verwandelt! Hoffnung wird zur Gewissheit und Freude ĂĽber das wieder erwachende Leben! Doch was ich hier nur fragmentarisch versuche zu beschreiben, hat einer der größten deutschen Dichter so unnachahmlich schön besungen, dass ich Ihnen seine Worte, die Sie sicher alle kennen, noch einmal in Erinnerung rufen möchte:

Vom Eise befreit sind Strom und Bäche

Durch des FrĂĽhlings holden, belebenden Blick;

Im Tale grĂĽnet HoffnungsglĂĽck;

Der alte Winter, in seiner Schwäche,

Zog sich in raue Berge zurĂĽck.

Von dorther sendet er, fliehend, nur

Ohnmächtige Schauer körnigen Eises

In Streifen ĂĽber die grĂĽnende Flur;

Aber die Sonne duldet kein WeiĂźes:

Ăśberall regt sich Bildung und Streben,

Alles will sie mit Farben beleben;

Doch an Blumen fehlt`s im Revier,

Sie nimmt geputzte Menschen dafĂĽr.

Kehre dich um von diesen Höhen

Nach der Stadt zurĂĽckzusehen.

Aus dem hohlen finstern Tor

Dringt ein buntes Gewimmel hervor.

Jeder sonnt sich heute so gern.

Sie feiern die Auferstehung des Herrn,

Denn sie sind selber auferstanden,

Aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern,

Aus Handwerks- und Gewerbesbanden,

Aus dem Druck von Giebeln und Dächern,

Aus der StraĂźen quetschender Enge,

Aus der Kirchen ehrwĂĽrdiger Nacht

Sind sie alle ans Licht gebracht.

Sieh nur, sieh!

Wie behänd sich die Menge

Durch die Gärten und Felder zerschlägt,

Wie der Fluss, in Breit und Länge,

So manchen lustigen Nachen bewegt,

Und bis zum Sinken ĂĽberladen

Entfernt sich dieser letzte Kahn.

Selbst von des Berges fernen Pfaden

Blinken uns farbige Kleider an.

Ich höre schon des Dorfs Getümmel,

Hier ist des Volkes wahrer Himmel,

Zufrieden jauchzet GroĂź und Klein;

Hier bin ich Mensch,

hier darf ich`s sein!

 

(„Osterspaziergang“ aus: Faust. Der Tragödie erster Teil. Johann Wolfgang von Goethe)

 

Einen gesegneten Frühling wünscht Ihnen Ihre Pfarrerin Axinia Schönfeld

 

(Gemeindebrief März -Mai 2020)


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