Unsere Kirche verändert sich. Austritte, nicht zuletzt auf Grund der ForuM-Studie und des Missbrauchskandals. Zusehender Mitgliederschwund auf Grund des demographischen Wandels. Dadurch abnehmende Kirchensteuereinnahmen. Zu hohe Verwaltungskosten. Relevanzverlust von Kirche und Glauben. Traditionsabbruch. Die Zukunftsaussichten sind also nicht gerade rosig. Ja, wir Christen und Christinnen werden weniger. Das veranlasst die einen, konservativ und ohne Kompromisse an bestehenden Traditionen und Systemen festzuhalten. Andere wollen alles über Bord werfen und sowohl finanziell als auch juristisch und theologisch die Reformaxt an alles Bestehende ansetzen.
Gleiches gilt für unsere demokratische Gesellschaft. Denn auch diese ist im Umbruch, der sich aus vielen inneren und äußeren Zwängen ergibt. Die Abhängigkeit von ausländischen Märkten, der Klimawandel, die Inflation, der Krieg in der Ukraine, der Krieg in Nahost, und vieles mehr… Auch hier gibt es konservative Kräfte, die alles Bestehende erhalten oder wiederherstellen wollen. Und es gibt Reformfreudige, die zu Veränderung von Gesetzen und Denkansätzen mahnen und viele alte, aber auch gute Traditionen in Frage stellen.
Ich denke, beide Extreme führen zu nichts. Ein gangbarer Mittelweg wäre angebracht. Und der muss kein „Kompromiss der Beliebigkeit“ sein. Abgesehen davon, dass konservative und progressive Meinungen in unserer Kirche und in unserer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft immer nebeneinander bestehen können und müssen, ist auch beiden Positionen etwas abzugewinnen.
So gilt es in unserer Gesellschaft Werte und Strukturen, die sich bewährt haben, nicht einfach zu streichen, aber dennoch gleichzeitig überkommene Werte und Strukturen in neue umzuwandeln.
Was unsere Kirche betrifft, ist es also meines Erachtens richtig und gut, Traditionen, welche unsere christliche und auch evangelische Kultur ausmachen, zu pflegen, damit sie nicht verloren gehen. Es ist aber auch wichtig, neue Wege zu eröffnen, die Menschen zu erreichen, die sich von unserer Kirche entfernt haben oder die sie noch gar nicht kennen. Mit neuen, zeitgemäßen Gottesdienstformen, mit offenen diakonisch-seelsorglichen Angeboten, mit zeitgemäßen Bildungsangeboten und natürlich auch mit strukturellen Reformen, nicht zuletzt mit Maßnahmen zur Prävention und Aufklärung sexualisierter Gewalt und der Bekämpfung patriarchalen Denkens.
Der Kern, das Gute, darf nicht verloren gehen beim Aufbruch zu neuen Wegen.
Weder darf unsere Kirche Gott und unseren Bruder Jesus Christus „draußen vor der Tür stehen lassen“, noch darf unsere Gesellschaft Kräfte stärken, die unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung aushöhlen.
Daher halte ich die Jahreslosung 2025 für absolut passend für unsere Kirche und für unsere Gesellschaft im Allgemeinen.
Denn der Apostel Paulus schreibt der Gemeinde in Thessaloniki, deren Existenz auch von vielen theologischen und gesellschaftlichen Zwängen bedroht ist, am Ende seines 1. Briefes:
„Prüft alles, und behaltet das Gute!“
In diesem Sinne, glaube ich, kann sowohl eine gute Kirche der Zukunft als auch eine stabile Gesellschaft der Zukunft geformt werden!
Ihnen allen wünsche ich nun einen gesegneten Start ins das Jahr 2025!
Herzlich,
Ihre Pfarrerin Axinia Schönfeld